Kannst man an einer Cannabis-Überdosis sterben?


Kannst man an einer Cannabis-Überdosis sterben?

Die Frage, ob man an einer Cannabis-Überdosis sterben kann, kursiert schon seit geraumer Zeit. Möglicherweise seit dem Beginn der Dämonisierung von Cannabis.

Wir alle sind wahrscheinlich mit den Propagandapostern aus den frühen 70ern vertraut, die das Bild vermittelten, dass Cannabiskonsumenten verrückt oder zu Mördern werden, Suizid begehen und letztendlich sterben. Aber auch heutzutage kursieren viele falsche Informationen darüber, ob Cannabis eine Überdosis induzieren kann oder nicht.

Da viele Menschen nur die Artikelüberschriften lesen, ohne jedoch den gesamten Artikel zu beachten oder eigene Nachforschungen anzustellen, ist es keine Überraschung, dass derartige Informationen sich verbreiten und die Meinungsbildung über Cannabis beeinflussen.

DER VORFALL EINER CANNABIS-ÜBERDOSIS IN COLORADO IST NIE PASSIERT

DER VORFALL EINER CANNABIS-ÜBERDOSIS IN COLORADO IST NIE PASSIERT

Vielleicht erinnern sich diejenigen, die im letzten Jahr die Schlagzeilen über den Todesfall eines Babys als Folge einer Cannabis-Überdosis gelesen haben? Man wird den ersten Vorfall einer Cannabis-Überdosierung in der Geschichte wohl kaum vergessen – kurz nach so vielen großartigen Entdeckungen über diese Pflanze.

Doch dieses Mal handelte es sich nicht einfach nur um einen satirischen Artikel von unbekannten Autoren, diese Geschichte wurde von vielen, legitimen Nachrichtenquellen veröffentlicht.

So tragisch die Story auch ist, viele wunderten sich wahrscheinlich, ob die Todesursache zu effekthascherisch aufgemacht wurde. Das Kleinkind wurde in ein Krankenhaus in Colorado gebracht, nachdem es in Folge eines Krampfanfalls nicht mehr reagierte und keinen Würgereflex zeigte.

Vorher wurde das Verhalten des Kindes als "gereizt und lethargisch" beschrieben. Während des Krankenhausaufenthalts erlitt es einen Herzstillstand und erlag diesem in Folge.

Laut den behandelnden Ärzten, Thomas Nappe und Christopher Hoyte, befanden sich hohe Konzentrationen von Marihuana im Organismus des Kindes, die Ärzte glaubten, dass dieser Umstand einer der ausschlaggebenden Faktoren für die Todesursache darstellte. Andere Ärzte waren jedoch nicht so überzeugt.

EINE MAẞLOSE ÜBERTREIBUNG

Eine Weile nach diesem Vorfall äußerte sich Nappe in einem Interview mit der Washington Post und merkte an "wir sagen keineswegs, dass Marihuana verantwortlich für den Tod des Kindes ist."[1] Hoyte kommentierte außerdem "Das einzige, das wir fanden, war Marihuana im Organismus des Kindes.

Hohe Konzentrationen im Blut. Das ist das Einzige, was wir herausfanden." Er fügte hinzu, "Das Kind erholte sich zu keinem Zeitpunkt. Eins führte zum anderen und letztendlich stoppte das Herz. Das Kind hörte auf zu atmen und starb."

Nappe und Hoyte fanden später heraus, dass das junge Kind einer Myokarditis erlag, auch bekannt als Herzmuskelentzündung. Sie glauben jedoch, dass Cannabis die Myokarditis getriggert haben könnte. Das Schlüsselwort ist hierbei "glauben".

Ihr Abschlussbericht postuliert lediglich, dass "eine plausible Beziehung zwischen Marihuana und dem Tod besteht, die weitere Untersuchungen rechtfertigt." Prinzipiell gehen sie von einem Zusammenhang aus, dieser kann aber unmöglich als sichere Todesursache herangezogen werden. Daher ist es schlichtweg voreilig und fehlerhaft zu behaupten, dass Cannabis die Todesursache darstellt.

"Es müssen weitere Informationen vorliegen, um diese Verbindung festmachen zu können," merkt Dr. William Checkley an, Professor für Medizin, internationale Gesundheit und Biostatistik an der Johns Hopkins Universität.

Während Checkley glaubt, dass manche Einschätzung von Hoyte und Nappe korrekt sind, geht er nicht davon aus, dass in diesem Fall ein definitiver Zusammenhang zwischen Cannabis und der Myokarditis hergestellt werden kann. "Es ist möglich, dass der Herzzustand des Babys zufällig mit der Cannabisaufnahme zusammentraf."

Es ist interessant, dass bei medizinischen Entdeckungen dieser Art, Studien an kleinen Stichproben oder anekdotische Evidenz immer "weitere Forschung erfordern", bevor diese offiziell als Behandlungsoption eingesetzt werden können. Bei der Dämonisierung von Cannabis, sind viele Menschen jedoch sehr schnell dabei, eine Verbindung zwischen Cannabiskonsum und vielzähligen Beschwerden herzustellen, auch wenn konkrete Evidenz dafür nicht vorliegt.

SATIRE KANN VERWIRREN

Neben Geschichten, die sich später als unwahr oder übertrieben herausstellen, kann es auch passieren, dass Satireartikel falsch aufgefasst werden.

Beispielsweise sorgte ein Artikel von huslerz.com mit dem Titel "59 Menschen sterben nach Legalisierung in Colorado und Washington an Marihuana-Überdosis" im Web erst kürzlich für Aufruhr und nicht jeder, der ihn sah, verstand, dass es sich nicht um einen ernst zu nehmenden Artikel handelte.[2]

Auch der Daily Currant, eine bekannte Satireseite, veröffentlichte einen ins Auge springenden Artikel (der daraufhin entfernt wurde), mit der Überschrift "37 sterben an Marihuana-Überdosis am ersten Tag der Legalisierung."

Hätte jeder vielleicht nur die ersten Zeilen in diesen beiden Artikeln gelesen, wäre es mehr als offensichtlich gewesen, dass diese Artikel nicht ernst gemeint waren. Nichtsdestotrotz nutzten Cannabisgegner diese Titel, um "Liberale" und "Democrats" im Internet für die Legalisierung einer Substanz scharf zu kritisieren, die so vielen Menschen das Leben gekostet hat (Augenrollen).

Es kann natürlich auch ziemlich witzig sein, wie diese ignoranten Menschen auf diese Falschmeldungen hereinfallen und sich selbst zum Affen machen, wenn sie ihren Ärger und ihre Meinung auf Twitter oder Youtube äußern.

LÄCHERLICHE MYTHEN WERDEN ALS ABSCHRECKUNGSTAKTIK BENUTZT

Zusätzlich zu der Strategie, die Angst vor dem Tod zu missbrauchen, um Menschen von Cannabis fernzuhalten, sind über die Jahre weitere ziemlich lustige Gerüchte entstanden.

Eines davon ist die Theorie, dass Cannabis "schwul machen kann". Das kann für bestimmte Personen ziemlich alarmierend klingen, aber die Idee, dass Cannabis die sexuelle Orientierung verändern kann, ist absolut idiotisch.

Sie entstammt der Vorstellung der Reefer-Madness-Ära, dass Cannabiskonsum Menschen unmoralisch und geisteskrank werden lässt, kombiniert mit der damaligen Auffassung, dass Homosexualität eine psychologische Erkrankung sei, die möglicherweise durch Drogen verursacht wird. Beides ist zu 100% falsch.

Eine weiterer kursierender Irrglaube ist, dass Cannabiskonsum zum Absterben von Hirnzellen führt und viele Cannabisgegner berufen sich auf die berühmte Heath/Tulane Studie aus dem Jahr 1974. Dr. Heath von der Tulane Medical School in New Orleans stellte im Rahmen seiner eigenen Studien an Affen fest, dass Cannabisexposition Gehirnzellen zerstört, jedoch wurde erst Jahre später festgestellt, dass seine Untersuchungsmethoden ziemlich fragwürdig waren.

Heath nutzte Gasmaken, um die Testaffen dazu zu bringen, das Äquivalent zu 50 Joints in nur 5 Minuten zu konsumieren, und das 3 Monate lang jeden Tag. Darüber hinaus wurden die Affen nahezu erstickt, da ihre Gesichter jeden Tag für 5 Minuten abgedeckt wurden. Es ist nicht sehr unwahrscheinlich, dass der Mangel an Sauerstoff der wahre Grund für den Verlust von Gehirnzellen war.

Seit 1974 wurden zwei weitere Studien ähnlicher Natur durchgeführt (obwohl diese etwas ethischer vollzogen wurden).[3] Eine von Charles Rebert und Gordon Pryor von SRI International und die andere von William Slikker vom National Center for Toxicological Research. Beide Forscher studierten Affen, die ein ganzes Jahr lang täglich Cannabis ausgesetzt wurden und sie fanden nichts, das darauf hindeutete, dass Cannabis das Gehirn negativ beeinflusst.

KANN MAN ALSO MIT CANNABIS ÜBERDOSIEREN ODER NICHT?

KANN MAN ALSO MIT CANNABIS ÜBERDOSIEREN ODER NICHT?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir erst einmal erkunden, was es eigentlich bedeutet, eine Überdosis zu erleiden. Alle Substanzen – Drogen, Alkohol, Lebensmittel – beeinflussen unseren Körper in unterschiedlicher Weise.

Alles, was wir konsumieren, kann in bestimmten Mengen toxisch wirken – selbst Wasser. Die lethale Dosis (LD50) von Cannabis wird auf 1:20.000–1:40.000 geschätzt, was bedeutet, dass du in 15 Minuten etwa die 20.000–40.000x Menge an Cannabis konsumieren musst, die ein durchschnittlicher Joint enthält, um eine lebensbedrohliche Dosis zu erreichen. Das entspricht dem Konsum von etwa 760kg auf einmal.

Hört sich ziemlich unmachbar an, oder nicht? In der Realität bedeutet das, dass es ziemlich unmöglich ist, mit Cannabis eine Überdosis zu erreichen. Das wurde auch vom US National Cancer Institute bestätigt:

"Da Cannabinoid-Rezeptoren, anders als Opioid-Rezeptoren, nicht in den Regionen des Hirnstamms lokalisiert sind, die die Atmung kontrollieren, treten tödliche Überdosen von Cannabis und Cannabinoiden nicht auf."[4]

CANNABIS-VERGIFTUNG

CANNABIS-VERGIFTUNG

Du kannst also nicht an Cannabis sterben, was eine Erleichterung! Doch auch wenn Du nicht stirbst, ist es immer noch möglich, zu viel Cannabis zu konsumieren. Die Symptome sind üblicherweise mild, aber sie können sowohl psychologische als auch physische Effekte verursachen, wie zum Beispiel:

  • Mundtrockenheit
  • Pupillenerweiterung
  • Rote / Brennende Augen
  • Verlust des Kurzzeitgedächtnisses
  • Paranoia / Furcht / Angst
  • Energieverlust
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Verminderte verbale Fähigkeiten
  • Verlust motorischer Fähigkeiten
  • verlangsamte Koordination
  • Kurzatmigkeit
  • Erhöhte Herzfrequenz
  • Zittern
  • Gänsehaut / Schwitzen
  • Desorientierung
  • Magenbeschwerden

Falls Du oder jemand Deiner Freunde zu viel Cannabis konsumiert hat, ist es das Beste, ruhig zu bleiben und für Entspannung zu sorgen. Bringe die betroffene Person an einen ruhigen Ort und gehe sicher, dass sie es bequem hat, ausreichend hydratisiert ist und gut atmet.

Abseits davon gibt es nicht viel, was Du noch tun kannst, außer abzuwarten. Lässt das High wieder nach, klingen auch die Symptome ab. Hier findest Du ein paar weitere Ratschläge, wie Du während einer Cannabis-Vergiftung helfen kannst.

Anderenfalls ist das Einzige, was Du tun kannst, ruhig zu bleiben und Dich auszuruhen, denn egal, wie high Du Dich auch fühlen magst, Du kannst nicht lebensgefährlich überdosieren.

Verweise

  1. ^ The Washington Post, The truth behind the first marijuana overdose death headlines, abgerufen January-29-2019
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  2. ^ Huzlers, 59 People die of marijuana overdose in Colorado and Washington after legalization, abgerufen January-29-2019
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  3. ^ CA NORML, Marijuana Health Mythology, abgerufen January-29-2019
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  4. ^ National Cancer Institute, Cannabis and cannabinoids (PDQ®)–Health professional version, abgerufen January-29-2019
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